Wie jedes Jahr am Heiligabend so war auch diesmal wieder das
Chaos ausgebrochen im Hause Herzig. Es war keinem so recht klar, warum sie sich
alle Jahre wieder hier versammelten, denn es gab eigentlich von Anfang bis Ende
nur Streit. Da waren Martha und Knut Herzig mit ihren Kindern Annette und
Markus und deren Ehepartnern Frank und Geli. Annette und Frank hatten zwei
Kinder, Stefan und Paul; Markus und Geli hatten eine Tochter, Kerstin. Stefan
und Paul fanden es super, Kerstin zu ärgern und ihr Streiche zu spielen, so
dass Kerstin entweder heulte, maulte, schmollte oder brüllte. Natürlich sorgte
das auch für beträchtliche Unruhe bei den Eltern und Großeltern, die
abwechselnd die ungezogenen Jungs zurechtwiesen, sich gegenseitig die Schuld
zuschoben oder Kerstin auf ihr Zimmer schickten. Sowohl Martha als auch Knut
hatten eine Schwester, Marthas Schwester Gabriele war unverheiratet, Knuts
Schwester Heike war kinderlos mit Ole, einem Schweden, verheiratet. Und das
seit etwa dreißig Jahren, deshalb hatten sie sich im Grunde nichts mehr zu
sagen. Ole tappte ziellos im Haus umher und tat so, als sei er schwerhörig,
Heike war verbittert, weil ihr Mann keine Notiz von ihr nahm, und Gabriele
wünschte sich, sie hätte in ihren jungen Jahren nicht alle Männer abgewiesen,
die um sie angehalten hatten, so dass sie jetzt nicht so schrecklich allein
wäre. Sie hätte Heike und Ole am allerliebsten mal ordentlich die Köpfe
gewaschen, weil sie doch miteinander hätten glücklich sein können, aber weil sie sie
für eine vertrocknete und neidische alte Jungfer hielten, kam sie über ständige
Anspielungen nicht hinaus. Also, so waren die Verhältnisse im Hause Herzig an
Weihnachten, wenn alle zusammen waren, um zu feiern.
Martha hatte mit der Hilfe ihres Mannes und ihrer
Schwester ein gewaltiges Mahl aufgefahren. Es war ein wenig schwierig, zwölf
Leute am Tisch unterzubringen, aber irgendwie ging es, wenn alle
zusammenrückten. Kerstin war vorsorglich an einem anderen Ende untergebracht
als Stefan und Paul, und Gabriele saß nicht neben Ole und Heike. Eigentlich
saßen auch Ole und Heike nicht nebeneinander, denn Ole hatte einen Platz frei
gelassen, als er sich hinsetzte. Zwischen ihnen musste Annette sitzen, die
eigentlich lieber neben ihrem Mann gesessen hätte. „Frank“, sagte sie mit einer
theatralischen Geste, die andeutete, dass ihr nun der ganze Abend ruiniert war.
„Ich bin es gar nicht gewohnt, so weit weg von dir zu sitzen.“ Er winkte ab,
weil er nicht wollte, dass sie das Thema weiter ausbreitete. „Au, du Blödmann“,
rief Kerstin, als eine Papierkugel sie am Auge traf. Stefan hatte damit
angefangen, kleine Stücke von seiner Serviette abzureißen und durchzukauen.
„Kerstin, benimm dich!“, wies ihr sie Vater zurecht. „Aber wieso denn ich?“,
jammerte sie und deutete auf Paul. „Er ist doch schuld!“ „Schluss jetzt, alle
drei!“, befahl Frank mit scharfem Tonfall. „Sei doch nicht gleich so barsch“,
entgegnete Geli, die nichts auf ihre Tochter kommen lassen wollte. Markus sagte
ihr, dass sie sich besser raushalten sollte, weil Kerstin sonst noch anfangen
würde zu heulen. Kaum hatte er es ausgesprochen, da schluchzte Kerstin auch
schon los. Heike reichte ihr ein Taschentuch und versuchte sie zu trösten. Ole
rollte mit den Augen und fing an, zum tausendsten Mal zu erzählen, was in einen
traditionellen Weihnachtspunsch gehörte, ganz unabhängig davon, dass es gar
keinen Punsch gab.
Martha eröffnete das Mahl. Heike erklärte ihrem Mann, dass
es keinen interessierte, wie man in Schweden Weihnachten feierte, und dass sie
das alle schon nicht mehr hören könnten. Gabriele warf ihr einen verkniffenen
Blick zu und meinte: „Ein bisschen Interesse solltest du schon zeigen, wenn
dein Mann etwas zu sagen hat.“ Ole starrte sie an und verstummte. Heike warf
ihren Lieblingssatz in die Runde: „Was weißt du denn schon von der Ehe?“, und
Gabriele senkte den Blick auf ihren Teller, damit niemand sehen konnte, dass
ihr die Tränen kamen. Annette und Markus hatten unterdessen herausgefunden,
dass sie beide die goldene Kettenuhr ihres Großvaters haben wollten. „Hör mal,
das ist eine Herrenuhr, deshalb bekomme ich sie“, sagte Markus. „Was soll denn
das heißen? Glaubst du, nur weil du ein Mann bist, hast du mehr Rechte? Mama,
sag ihm, dass in diesem Haus Gleichberechtigung herrscht!“ Empört wandte sie
sich ihren Eltern zu. Martha holte tief Luft, um etwas zu entgegnen, aber
Markus schnitt ihr das Wort ab. „Du musst endlich mal lernen, deine ständigen
Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.“ Annette wurde knallrot. „Du hast es
grad nötig, von Minderwertigkeitsgefühlen zu sprechen! Wer fängt denn jedes Mal
an zu stottern, wenn er mit einer schönen Frau reden soll?“ Markus knallte das
Messer auf den Teller. „Das war in meiner JUGEND! Das ist schon ewig her!“ Geli
fand das nicht lustig. „Wann redest du denn mit schönen Frauen? Ich habe noch
nie gehört, dass du stotterst.“ Dann ging ihr ein Licht auf. „Du findest mich
wohl nicht schön?“ „Kinder, BITTE!“, rief Knut mit wachsender Verzweiflung.
„Könnt ihr nicht wenigstens EINMAL Weihnachten in Frieden verbringen? Denkt
doch mal an uns! Martha und mir wird das alles einfach zuviel.“ Alle
verstummten und schauten auf Knut, der erschöpft auf seine Frau schaute. Es war
ein Moment unglaublicher Stille.
Weit entfernt war ein leises
Läuten zu hören. Es schien ganz weit weg zu sein, aber dann kam es näher. Sie
konnten es alle hören, denn sie waren ja alle ganz still. Das Läuten zog sie in
seinen Bann. Es wurde lauter und lauter, so als käme irgendein Gefährt zum Haus
gefahren, etwas mit hellen Glöckchen. Ein Lichtschein tauchte vor dem Fenster
auf und verschwand wieder und dann war das Läuten auf einmal überall. Die ganze
Luft rauschte davon, es summte in ihren Ohren und sie saßen wie gelähmt auf
ihren Stühlen mit aufgerissenen Augen und wunderten sich, was das sein konnte.
Ein greller Blitz blendete sie, dann zog sich das Läuten ins Wohnzimmer zurück,
verweilte dort kurz und verschwand schließlich. Die Ruhe war unheimlich. Ganz
lange sagte niemand etwas und keiner aß. Sie starrten nur vor sich hin und
warteten darauf, dass das Geblendetsein aufhörte.
Nach einigen schweigsamen Minuten
blinzelte Heike und schaute in die Runde. Ihr Blick blieb auf Gabriele hängen.
„Gabi, es tut mir leid, dass ich das gesagt habe. Du hast eigentlich recht, wir
sollten glücklich sein.“ Sie schaute zu ihrem Mann, während Gabriele schluckte
und sich die Serviette an die Augen hob. Ole lächelte die Frau an, mit der er
seit 30 Jahren verheiratet war. „Du bist entzückend, Liebling“, sagte er und
Heike wurde rot. Es setzte ein allgemeines beieinander Entschuldigen ein, bald
hielt es keinen mehr auf seinem Stuhl und es wurde umarmt, geweint, gelacht und
verziehen. „Kinder, das ist ein Wunder!“, rief Martha schließlich. „So etwas
hat es ja noch nie gegeben!“ Knut gab ihr einen Kuss. „Lasst uns doch alle ins
Wohnzimmer rüber gehen und nach den Geschenken sehen“, sagte er und ging mit
seiner Frau voran in das große, hübsch geschmückte Zimmer, in dem ein wirklich
großer, strahlender Weihnachtsbaum stand, umgeben von einem Meer von
Geschenken. Doch etwas war anders hier als noch vor einer Stunde, als sie zum
Essen rüber gegangen waren. Sie blieben stehen und versuchten zu ergründen, was
es war. Die ganze Familie kam hinter ihnen ins Stocken, drückte sich dann
langsam ebenfalls herein und blieb an der Tür stehen. Es war ganz eigenartig,
das Zimmer schien zu leuchten und zu glitzern. Ein leises Läuten wie von hellen
Glöckchen war wie eine Ahnung zurückgeblieben. Eine große Liebe erfüllte den
Raum und drang in die Herzen aller Anwesenden ein.
„Wisst ihr was?“, sagte
Martha schließlich. „Ich glaube, das Christkind war hier.“Ja, das war es wohl. Woher sonst
könnte dieser Frieden gekommen sein, wenn nicht von Jesus, der als Kind in
diese Welt kam, um den Menschen seine Liebe zu bringen? Ehre sei Gott in der
Höhe und Frieden auf Erden in den Menschen seines Wohlgefallens!
© S.M.Ehrhardt